Die gierigen Politiker? Oder auch nicht …

schwerdtfeger am 2. März 2010 um 01:07

Soeben lese ich bei Spiegel Online, dass viele der 622 Abgeordneten Nebentaetigkeiten nachgehen. In den Kommentaren kocht die Volksseele hoch, und ich frage mich, ob ich unsere Abgeordneten im Wahlkreis Konstanz zur Rede stellen sollte.

Wer sich naeher interessiert, kann sich genauer schlau machen, es gibt eine komplette Liste. Und immerhin 161 Abgeordnete finden sich hier. Das sind wohl eine Menge, aber macht immerhin 461 ohne Nebeneinkuenfte. Also suche ich:

  • Friedrich, Peter (Konstanz) : Nicht zu finden, also keine Nebeneinkuenfte
  • Jung, Andreas (Konstanz): Nicht zu finden, dafuer aber der ausgeschiedene Abgeordnete Johannes Jung aus Karlsruhe — und es ist auch mit Klick auf den zugehoerigen Link welcher “Nebentaetigkeit” der ehemalige Abgeordnete nachgehen soll … der andere Jung hat eine Nebentaetigkeit der Stufe 3 gehabt (ueber 7.000 EUR im Monat), Skandal, der war doch sogar Minister, wie hat der denn Zeit dafuer? Achso, der Ministerjob war die Nebentaetigkeit (das erklaert vielleicht sein Amtsverstaendnis, aber ist irgendwie auch kein Beweis fuer die Gier der Politiker)
  • Homburger, Birgit: Nicht zu finden, keine Nebeneinkuenfte

Zumindest in unserem Landkreis also kein Grund zur Aufregung …

Studieren bei Praktikern

schwerdtfeger am 17. August 2009 um 10:18

Inzwischen habe ich auch das zweite Semester an der Harvard Kennedy School erfolgreich hinter mich gebracht. Neben meinen Kursen (Demokratietheorie, Soziales Kapital, Kandidieren und Wahlkampfmanagement, Vision 2020: Informationspolitik unter Berücksichtigung des öffentlichen Interesses, Umfragen und öffentliche Meinung) habe ich wieder an einer Studiengruppe des Instituts für Politik teilgenommen.

Dabei handelt es sich um eine nachahmenswerte Idee: In jedem Semester werden sechs sogenannte Fellows eingeladen, zu einem selbstgewählten Forschungsthema an der Kennedy School zu forschen. Voraussetzung ist praktische Erfahrung im Bereich Politik. So war im vergangenen Semester mit der Autorin und Aktivistin Rose Styron erstmals eine Künstlerin vertreten. David Plouffe, der Wahlkampfleiter des US-Präsidentin Barack Obama hat ein einwöchiges Kurzprogramm absolviert. Ich habe bei dem Republikaner und ehemaligen Kongressabgeordneten Jim Ramstad eine Studiengruppe belegt.

Jeder der eingeladenen Fellows bietet einmal wöchentlich eine Diskussion in seinem Spezialgebiet an — im Falle von Jim Ramstad die Gesundheitspolitik mit einem Schwerpunkt auf Sucht- und psychischen Erkrankungen. Während es schon hervorragend ist, direkt mit den Praktikern über ihr Lieblingsthema zu diskutieren, ist der eigentliche Clou, dass diese ihr persönliches Netzwerk nutzen, um weitere spannende Praktikerinnen und Praktiker an die Uni zu holen. So war Gelegenheit mit dem Vorsitzenden des Ways and Means-Ausschusses (der wichtigste Ausschuss im Kongress), Charles Rangel über die Gesundheitsreform zu diskutieren, oder von dem Abgeordneten Patrick Kennedy einerseits zu lernen, wie unpopuläre Themen wie die Gleichstellung von Suchtkrankheiten im Gesundheitssystem trotzdem Gesetz werden können.

Auf Überparteilichkeit wird dabei großer Wert gelegt — was aber nicht bedeutet, dass die Diskutanden mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten würden. Es bedeutet, dass ein Jim Ramstad als Republikaner eben auch Demokraten zu den Diskussionen einlädt.

Auf der neuen Seite des Bundestags gibt es gerade eine Serie “Abschied vom Bundestag” — vielleicht kann ja der eine oder die andere an die Uni Konstanz gelockt werden? Weiß jemand, was Renate Schmidt jetzt vorhat? Aber auch ein Wahlkämpfer wie Michael Spreng hat vielleicht irgendwann mal Lust, seine Memoiren zu schreiben …

Umzug des Bereichs Internet und Politik

schwerdtfeger am 6. Juni 2009 um 10:05

Ich habe auf wahlkampfmanager.org meinen ersten Beitrag zum Thema Internet und Politik verfasst. Künftig werde ich meine Beiträge zu diesem Themenbereich dort veröffentlichen, hier geht es dann nur noch um meine Zeit an der Harvard Kennedy School.

Da ich nicht der fleißigste Blogger bin, lohnt es sich vermutlich bei Interesse, den entsprechenden RSS-Feed (siehe Wikipedia) zu abonnieren:

Dinge, die ich gut finde, obwohl sie im Allgemeinen als Blöde verschrien sind

schwerdtfeger am 7. März 2009 um 00:06

Dieser Beitrag bei Citronengras hat mich über meine eigene Liste nachdenken lassen. Voilà:

  1. Ruppaner
  2. Kommunalpolitik
  3. Kreisliga C
  4. Haferflocken
  5. Winter Games

Shopping / Versteigerung

schwerdtfeger am 2. Februar 2009 um 21:46

Nun hat also mein zweites Semester hier in Harvard begonnen. Die ersten beiden Tage waren Shopping Days. Damit sich die Studierenden vor der Kurswahl ein Bild über die Kurse machen können, finden an den ersten beiden Tagen die Vorlesungen nicht in den üblichen 80-Minuten-Blocks statt, sondern es gibt zu jedem Kurs zwei identische, 30-minütige Probevorlesungen.

Gerade wenn sich Kurse zeitlich überschneiden, die beide interessant klingen, hat man so die Möglichkeit, zumindest zwei Kurse ab der ersten Vorlesung voll mitzubekommen. Neben den ausführlichen Kursbeschreibungen, die es schon im Vorfeld im Internet gibt, erhält man dort noch einmal vom Professor / von der Professorin einen Überblick über den Inhalt des Kurses, den voraussichtlichen Arbeitsaufwand und den Umfang der Prüfungsleistungen.

Wertvoll ist es auch, die Lehrenden live zu erleben - letztlich ist auch die persönliche Chemie wichtig für eine gute Kurswahl.

Dann kommt der nächste Schritt: Die Kurswahl. Das ist relativ einfach, allerdings kann es dann immer noch passieren, dass Kurse überbucht sind - so belege ich ein Seminar über Sozialkapital, bei dem über 40 Leute einen der 16 Plätze haben wollten.

Diese Kurse gehen dann in eine Versteigerung - bis Freitagmittag muss jeder angeben, wieviele Punkte er / sie auf welchen Kurs bieten möchte. Dafür erhält jeder Punkte, die am Anfang des Studienjahres zugeteilt werden.

Da ich im letzten Semester keinen der überaus begehrten Kurse belegt habe (beispielsweise bei CNN-Kommentator David Gergen), war ich in einer guten Position - ich hatte noch meine gesamten Punkte für die Versteigerung über. Ich habe jedoch zur Sicherheit darauf verzichtet, auf einen Kurs zu Medien, Macht und Politik zu bieten.

Das Versteigerungssystem wird ständig kritisiert - und es ist ärgerlich, wenn, wie es eben auch passieren kann, durch das Aufsplitten der eigenen Punkte am Ende keiner der gewünschten Kurse erlangt wird. Andererseits ist das eigentliche Problem nicht das Versteigerungssystem, sondern die Tatsache, dass Seminare eine Maximalgröße haben und auch der größte Vorlesungssaal nur 170 Leute fasst. Die persönliche Atmosphäre in besonders beliebten Kursen lässt sich dann nur durch künstliche Beschränkungen herstellen.

Ein weiteres Problem in diesem Semester war die Wahl im November - einige der beliebtesten Professorinnen und Professoren (z. B. Lawrence Summers, Samantha Power, Ashton Carter) sind nach Washington gewechselt und deren Kurse werden in diesem Semester nicht angeboten.

Ich bin zum Glück von beiden Problemen (fast) verschont geblieben und freue mich auf mein neues Semester.

Internet und Bürgerbewegungen

schwerdtfeger am 6. Dezember 2008 um 15:11

Hier gibt es einen Hinweis auf einige - englischsprachige - interessante Videos für jeden, der seine Bürgerbewegung oder sein Thema im Internet voranbringen will.

Congress 101

schwerdtfeger am 5. Dezember 2008 um 20:13

Diese Woche sind 40 der 56 neu in den Kongress gewählten Politiker an der Harvard Kennedy School zu Gast gewesen. Sie bekamen hier in neun Diskussionen mit den besten Professoren Harvards einen Einblick in den aktuellen Stand der Wissenschaft in den wichtigsten Themen:

  • Geheimdienste und deren Parlamentarischen Kontrolle
  • Haushaltspolitik
  • Zukunft amerikanischer Macht
  • Irak / Afghanistan
  • Wirtschaftskrise
  • Saubere Energiewirtschaft
  • Energie und Nationale Sicherheit
  • Bildung
  • Gesundheitspolitik
  • Die Welt im Jahre 2033

Außerdem fanden eine Diskussion mit erfahrenen Kongressabgeordneten und ein Frühstück mit Studentinnen und Studenten der Kennedy School statt.

Damit nützt die Veranstaltung nicht nur den Abgeordneten, sondern auch für die Studierenden gibt es die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Sie findet alle zwei Jahre, also nach jeder Kongresswahl statt.

Hier gibt es einen Fernsehbericht zum Thema.

PS: Alle Kurse an amerikanischen Universitäten haben einen Code, der aus einigen Buchstaben besteht, die das Themenfeld angeben (zB PAL für Public Advocacy and Leadership), und einer dreistelligen Zahlenfolge. Der 101-Kurs ist grundsätzlich die Einführungsveranstaltung zu dem Thema.

1,3 Millionen Dollar

schwerdtfeger am 5. Dezember 2008 um 17:04

… ist das jährliche Budget jedes US-Kongressabgeordneten für Mitarbeiter und Auslagen. Bei einem Frühstück mit der Abgeordneten Niki Tsongas habe ich außerdem gelernt, dass sie in Washington alleine vier Mitarbeiter hat, die sie in Fragen der Gesetzgebung inhaltlich beraten. Dazu kommen noch die Büroleiterin, Pressesprecherin und die Mitarbeiter im Wahlkreis.

Zum Vergleich: Ein Bundestagsabgeordneter hat jährlich insgesamt 217.128 EUR zur Verfügung (monatlich EUR 3.782 Kostenpauschale und EUR 14.312 für Mitarbeiter).

Erste Reaktionen zur Gesundheitsdiskussion

schwerdtfeger am 2. Dezember 2008 um 22:57

Jetzt ist die erste offizielle Antwort da - nachdem vor einigen Tagen die Gesundheitspolitik-Diskussion im Internet eröffnet wurde, wurde jetzt ein Video online gestellt.


Außerdem wurde wordle genutzt, um die wichtigsten Themen der Debatte grafisch darzustellen. (Wordle ist ein klasse Werkzeug, um lange Texte in wenigen Sekunden auf Schwerpunkte zu untersuchen und außerdem macht es schöne Bilder)


Der designierte Gesundheitsminister Tom Daschle ist gemeinsam mit einer Beraterin zu sehen. Immerhin wird deutlich, dass die Kommentare tatsächlich ernst genommen werden. Auf die breite Frage “Was bewegt Sie im Gesundheitssystem am meisten?” wurde erwartungsgemäß eher Allgemeines geantwortet. Prävention und Kostendämpfung werden im Video angesprochen, außerdem die Idee, ein Gesundheitscorps einzurichten.

Ein Blick in die ursprüngliche Diskussion zeigt, dass das alles aus dem bestgerankten Beitrag und einer Diskussion daraus stammt. Man kann also bezweifeln, ob sich jemand wirklich die Mühe gemacht hat, über die erste von 58 Seiten mit Kommentaren hinausgelesen hat.

Aber wir beobachten hier ja auch die Entwicklung einer neuen Diskussionskultur…

Detail #1

schwerdtfeger am 30. November 2008 um 16:34

Jeder Student und jede Studentin hat hier ein laminiertes Namensschild (etwa ein halbes A4-Blatt), das in jeder Vorlesung verwendet wird. So können Professorinnen und Professoren, Kommilitoninnen und Kommilitonen alle mit Namen ansprechen. Nachahmenswert.


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