Nun hat also mein zweites Semester hier in Harvard begonnen. Die ersten beiden Tage waren Shopping Days. Damit sich die Studierenden vor der Kurswahl ein Bild über die Kurse machen können, finden an den ersten beiden Tagen die Vorlesungen nicht in den üblichen 80-Minuten-Blocks statt, sondern es gibt zu jedem Kurs zwei identische, 30-minütige Probevorlesungen.
Gerade wenn sich Kurse zeitlich überschneiden, die beide interessant klingen, hat man so die Möglichkeit, zumindest zwei Kurse ab der ersten Vorlesung voll mitzubekommen. Neben den ausführlichen Kursbeschreibungen, die es schon im Vorfeld im Internet gibt, erhält man dort noch einmal vom Professor / von der Professorin einen Überblick über den Inhalt des Kurses, den voraussichtlichen Arbeitsaufwand und den Umfang der Prüfungsleistungen.
Wertvoll ist es auch, die Lehrenden live zu erleben - letztlich ist auch die persönliche Chemie wichtig für eine gute Kurswahl.
Dann kommt der nächste Schritt: Die Kurswahl. Das ist relativ einfach, allerdings kann es dann immer noch passieren, dass Kurse überbucht sind - so belege ich ein Seminar über Sozialkapital, bei dem über 40 Leute einen der 16 Plätze haben wollten.
Diese Kurse gehen dann in eine Versteigerung - bis Freitagmittag muss jeder angeben, wieviele Punkte er / sie auf welchen Kurs bieten möchte. Dafür erhält jeder Punkte, die am Anfang des Studienjahres zugeteilt werden.
Da ich im letzten Semester keinen der überaus begehrten Kurse belegt habe (beispielsweise bei CNN-Kommentator David Gergen), war ich in einer guten Position - ich hatte noch meine gesamten Punkte für die Versteigerung über. Ich habe jedoch zur Sicherheit darauf verzichtet, auf einen Kurs zu Medien, Macht und Politik zu bieten.
Das Versteigerungssystem wird ständig kritisiert - und es ist ärgerlich, wenn, wie es eben auch passieren kann, durch das Aufsplitten der eigenen Punkte am Ende keiner der gewünschten Kurse erlangt wird. Andererseits ist das eigentliche Problem nicht das Versteigerungssystem, sondern die Tatsache, dass Seminare eine Maximalgröße haben und auch der größte Vorlesungssaal nur 170 Leute fasst. Die persönliche Atmosphäre in besonders beliebten Kursen lässt sich dann nur durch künstliche Beschränkungen herstellen.
Ein weiteres Problem in diesem Semester war die Wahl im November - einige der beliebtesten Professorinnen und Professoren (z. B. Lawrence Summers, Samantha Power, Ashton Carter) sind nach Washington gewechselt und deren Kurse werden in diesem Semester nicht angeboten.
Ich bin zum Glück von beiden Problemen (fast) verschont geblieben und freue mich auf mein neues Semester.